das Kultur und Nachrichtenmagazin

Kalender

louis-stettner_madison-avenue_ny_1976_c3a56.jpg 

Ausstellung "Louis Stettner - Early Joys"

Samstag, 5. Dezember 2020
11:00-15:00 Uhr

Als iCal-Datei herunterladen

   

Moving other people, deeply - Anmerkungen zum Werk des Fotografen Louis Stettner von Hans-Michael Koetzle

Was für ein Leben – zwischen Fotografie und bildender Kunst, Plastik und Tafelmalerei, Frankreich und Amerika. Ein Leben zwischen Ländern und Kulturen, Sprachen und Befindlichkeiten. Nicht dass sich Louis Stettner nicht hätte entscheiden können. Aber er braucht wohl dieses Oszillieren zwischen den Kontinenten, den Städten und Disziplinen, um immer wieder neu den großen Fragen des Lebens nachstellen zu können. »Being a photographer«, hat er einmal gesagt, »means perpetual discovery.« 1922 in Brooklyn geboren, gestorben 2016, hat Stettner praktisch das gesamte 20. Jahrhundert durchmessen. Scheu und wortkarg, sagt er, sei er in jungen Jahren gewesen. Was den 14- oder 15-jährigen nicht davon abhalten konnte, sich einen Schlips umzubinden und sich im Metropolitan Museum die Arbeiten großer Kamerameister vorlegen zu lassen. Noch heute, sagte Stettner, höre er das Rumpeln und Ächzen des Archivwagens mit neuen, ungeahnten Bildern. Der jugendliche Stettner machte Bekanntschaft mit den Achttausendern der Fotografie und war überwältigt von einem Kosmos, dem eher ausnahmsweise das Attribut »Kunst« zugesprochen wird.

Ein Fotograf sei »nichts«, hatte Max Horkheimer einst die junge Gisèle Freund wissen lassen. In diesem Klima der Ignoranz, des Fehlens von Strukturen und einer wie immer gearteten Orientierung entschied sich Stettner für die Fotografie – einen Beruf, der in den Augen vieler keiner ist. 13-jährig hatte er vom Vater eine erste Kamera bekommen. 14-jährig eine erste passable Aufnahme gemacht. Nun stürzte er sich ins Ungewisse – das immerhin mit Verve. Im New York der Zeit um 1940 lernte er Alfred Stieglitz kennen, traf er Paul Strand, begegnete er Edward Steichen, schloß er Freundschaft mit Lewis Hine. Das liest sich wie ein Besuch im Pantheon der Fotografie. Doch damit nicht genug. Stettner besuchte Kurse bei Sid Grossman, absolvierte einen Workshop bei Alexey Brodovitch, pflegte Umgang mit Lisette Model, deren Arbeiten er ebenso schätzte wie die von Weegee oder Diane Arbus. Letztlich waren es diese beiden Pole, die Stettner prägten und zwischen denen die eigene Kamerakunst vermittelt: Zum einen der linke Humanismus der von Grossman initiierten Photo League, zum anderen der am Formalen interessierte Ansatz eines Brodovitch.»Form cannot really exist without content«, bringt es Stettner auf den Punkt. Umgekehrt ist Inhalt ohne ein Ringen um die Form zumindest keine Kunst. In Stettners Werk gelangen beide Aspekte auf überzeugende Weise zur Deckung: Das tief empfundene Interesse am Menschen und ein wacher, bisweilen kühner, an der visuellen Überraschung interessierter, surrealistisch inspirierter Blick. Das gilt für sein in New York entstandenes Œuvre ebenso wie für seine Auseinandersetzung mit Paris. 1947 war Stettner, ausgerüstet mit einer »GI-Bill«, nach Paris gekommen.

Fünf Jahre wird er bleiben. Fünf Jahre, in denen er Bekanntschaft machte mit einer noch immer von den Entbehrungen des Krieges und der Besatzung gezeichneten, zugleich in Sachen Kunst höchst lebendigen Metropole. Jetzt waren es Namen wie Doisneau, Boubat, Cartier-Bresson, die zu Freunden wurden und ihn in seinem Weg bestätigten. Brassaï nicht zu vergessen, der nicht nur einen wunderbaren, einfühlsamen Text zu Stettners erstem Buch bzw. Mappenwerk – »10 Photographs« (1949) – begesteuert hat. Er war auch Vorbild, Wegweiser, väterlicher Freund: »He was my master.« Nicht nur sei Paris eine große Inspiration gewesen, sagte Stettner, auch hätten ihm die Leute Gewissheit gegeben, »that I was doing something important.« Mode, Werbung, Journalismus: die Fotografie kann vieles sein, Auftrag und Selbstauftrag.

Früh positionierte sich Stettner als unabhängiger Autor, als Street photographer, der sich wachen Auges den Offenbarungen des Alltags stellt. Paris wird, wie er sagt, sein Outdoor-Studio und »la vie quotidienne« zu seinem großen Thema. In Frankreich war dies die hohe Zeit einer so genannten »Photographie humaniste«. Auch bei Stettner steht der Mensch, der kleine Mann im Mittelpunkt. Aber seine Bilder sind weniger anekdotisch, weniger offensichtlich, weniger an Geschichten als an Atmosphäre interessiert. Stettner suchte nicht Antworten, sondern stellte Fragen. Seine Bilder irritieren, präsentieren sich nicht selten als Geheimnis: Mysterien in Schwarzweiß, gestützt durch eine Lust am Experiment, die sich in mutigen Anschnitten, Unschärfen, Spiegelungen, in Dynamik, in Bewegung äußert oder einer Leere, die an Atget erinnert. In Paris, im Rahmen des legendären »Salon des Indépendants«, hatte Stettner seine erste Ausstellung. In Paris lernte er junge Schweden wie Tore Johnson, Hans Hammerskiöld oder Rune Hassner kennen. Oder den Deutschen Otto Steinert, der Stettner für die wichtige, 1951 in Saarbrücken gezeigte Gruppenschau »subjektive fotografie« gewann. Als Vertreter dieser Richtung hatte er sich allerdings nie gefühlt. Ohnehin hasste er Etikettierungen. »Any good picture is subjective«, betonte Stettner in Anlehnung an Brassaï, lachte und fügte hinzu: »A good photograph is a miracle. And the miracle still happens.« New York und Paris waren der Nährboden für den für die Wunder des Lebens empfänglichen Louis Stettner. Seit 1990 lebte er wieder in Paris.

Malte, zeichnete, modellierte in seinem Studio in Saint-Ouen. Oder fotografierte im Jardin du Luxembourg, wo er und seine betagte Rolleiflex selbst zum gefragten Objekt touristischer Kameras geworden waren: »Somehow they think I am the typical old Parisian.« Dazwischen reiste Stettner immer wieder in die USA, meanderte durch New York, um seinen großen Farbzyklus voranzutreiben: »Manhattan Pastorale«. Im vierundneunzigsten Lebensjahr konnte der Wahl-Pariser Louis Stettner auf ein reiches Œuvre blicken, getränkt von Neugier und Staunen und einem nimmermüden Interesse am Sozialen. Dem technologischen Wandel stand er skeptisch gegenüber: »Just because something is new doesn’t make it better.« Und in dem sich stürmisch entwickelnden Fotomarkt sah er wenig mehr als ein großes Entertainment. »Flaubert said, what he destested most in art is something that’s clever«, zitierte Stettner den großen Realisten, der neben Walt Whitman zu seinen »favorite poets«, seinen Lieblingsdichtern zählte. Stettners eigenes Werk ist alles andere als clever, vielmehr gut gesehen, tief empfunden, ehrlich und voller Überraschungen. »Art doesn’t work by pleasing other people«, definierte er selbst. »It’s by moving other people. Deeply.«

Hans-Michael Koetzle lebt als freier Schriftsteller, Fotohistoriker und Kurator in München.

Louis Stettner "Early Joys"
Ausstellung vom 31. Oktober bis zum 19. Dezember 2020.

Öffnungszeiten:
Eröffnung am Samstag, den 31. Oktober von 19 - 21:30 Uhr.
Mittwoch bis Freitag 16 - 19 Uhr,
Samstag von 11 - 15 Uhr und nach Vereinbarung.
Besuch nur mit Mund- und Nasenmaske.

Foto: Stettner, Louis (USA), Madison Avenue, New York, 1976

 

 

Ort 

in focus Galerie

Haupstraße 114
50996 Köln-Rodenkirchen
Deutschland NRW
0221-1300341
http://www.infocusgalerie.de 

Anfahrt und Karte (klicke auf Symbol)

Veranstaltungsort:  Beschreibung Anfahrt Info mehr...
andere: Kunst und Kultur
mehr aus: Köln-Rodenkirchen
weitere von:
in focus Galerie

Teilen

 

 zum Kalender

 

You have no rights to post comments

Datenbank von lebeART

weitere Beiträge

Soziales und Leben in Köln

Chancengleichheit im Lockdown - BILD hilft e.V. „Ein Herz für Kinder“ unterstützt KJA Köln

kath jugendagenturKöln, 07.01.2021. Um Kinder und Jugendliche im aktuellen Lockdown mit einem Tablet zu unterstützen, ermöglicht BILD hilft e.V. „Ein Herz für Kinder“ der KJA Köln die Anschaffung von 40 Tablets. Diese Geräte werden nun an Familien in Köln und im Rh...


weiterlesen...

09.02.2021 Wohnprojekte als Mietmodell - Ankerprojekte im Veedel (Online-Gespräch)

eine StundeDer Verein LemAn e.V. – Leben mit Anderen – und Sahle Wohnen berichten

„Jeden Dienstag 19 Uhr - eine Stunde Baukultur“ #539 Online-Gespräch

Ein gemeinschaftliches Wohnprojekt auf Mietbasis ist der Wunsch vieler Wohnprojekte in Köln. Der Verein Lem...


weiterlesen...

“Press Play – Livestream Konzerte”

press playLivemusik macht sich auf den Weg in eine neue Dimension

Hypertension-Music-Entertainment und Groh-P.A. führen unter dem Titel „Press Play – Livestream Konzerte“ gemeinschaftlich eine Konzert-Streaming Reihe durch.

Der Konzertveranstalter Hypertens...


weiterlesen...

Über 100.000 Zuschauer – Silvester Special des Kontor DJ Delivery Service knallte gewaltig!

Jerome Press Pic by Emil Levy KopieHamburg, 05. Januar 2021: Kontor Records hatte es sich seit Beginn der COVID-19 Pandemie zur Aufgabe gemacht, den Fans der elektronischen Klänge, Dance Music ins Wohnzimmer zu liefern. Mit dem KONTOR DJ DELIVERY SERVICE streamt Kontor Records seit...


weiterlesen...

Wasserversorger fordern Umsteuern in der Agrarpolitik

umweltMünchen, 11.01.2021: Verbände von Trinkwasserversorgern fordern in einem heute veröffentlichten Appell an die Europäische Kommission und an die Landwirtschaftsminister:innen der EU-Mitgliedstaaten ein sofortiges Umsteuern der Gemeinsamen Agrarpoli...


weiterlesen...

weitere Informationen

Musik / Film

Bodyguard, Staffel 1 - Sensationserfolg aus GB (BD/DVD/Digital; Pandastorm)

bodyguard CoverKeine Serie fesselte das britische Publikum in den vergangenen zehn Jahren so sehr wie der von Kritikern hochgelobte sechsteilige BBC-Thriller Bodyguard. Allein bei der ersten Episode, die im August 2018 ausgestrahlt wurde, schalteten mehr als zeh...


weiterlesen...

Mediale Beratung der Kreissparkasse Köln gestartet - Neues Beratungsangebot ergänzend zu den Filialen

mediale beratung gestartet foto kskKöln, den 6. Januar 2021 - Die Kreissparkasse Köln ist für ihre Kundinnen und Kunden auf allen gängigen Wegen erreichbar, sei es der persönliche Besuch in der Filiale, per Telefon, Mail oder über soziale Netzwerke. Bereits seit 2013 bietet die Spa...


weiterlesen...

Qualitätsmanagement System der TH Köln für Studiengänge ist zertifiziert

TH KölnDie TH Köln hat den Prozess der Systemakkreditierung erfolgreich durchlaufen – sie hat damit nachgewiesen, dass sie über ein zuverlässiges internes Qualitätsmanagementsystem für Studium und Lehre verfügt, das die Qualifikationsziele und die Qualit...


weiterlesen...

Online-Veranstaltung „Freiwilligendienste in Köln– ein Erfolgsmodell“ Ein Info-Nachmittag mit Erfahrungsberichten

freiwilligAn Freiwilligendiensten nehmen Menschen teil, die für eine begrenzte Dauer viel Zeit investieren möchten: im Umfang von10 bis 40 Stunden in der Woche und für die Dauer von sechs bis zwölf Monaten. Im Freiwilligendienst aller Generationen engagiere...


weiterlesen...

lebeART Video

VIDEO - Köln-InSight.TV beim MMM-Newcomer-Award 2011 - Finale - im BeaversVideo Musik
mmm-award_2011

Köln-InSight.TV war beim Finale des MMM-NewcomerAward am Samstag, 17.12.2011 im Beavers in Milten...


weiterlesen

Werbung

lebeART Kalender

Letzter Monat Januar 2021 Nächster Monat
Mo Di Mi Do Fr Sa So
week 53 1 2 3
week 1 4 5 6 7 8 9 10
week 2 11 12 13 14 15 16 17
week 3 18 19 20 21 22 23 24
week 4 25 26 27 28 29 30 31

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.