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Interview mit Regine Bechtold

regine_mbsrDie sympathische Sozialarbeiterin stammt ursprünglich aus Darmstadt und lebt seit vielen Jahren in Köln. Beruflich war sie in den unterschiedlichsten Bereichen tätig und hat in der Betreuung psychisch kranker Menschen ihr zu Hause gefunden. Neben Yoga beschäftigt sich Regine mit MBSR (mindfull bases stress reducation) – Stressbewältigung durch Achtsamkeit, weil man dadurch wieder Vertrauen in die Dinge bekommt und sich nicht mehr so sehr an Problemen festklammert.

Um dies auch anderen Menschen nahe zu bringen, startet sie ab Januar einen Kurs im MegaHerz. Wir haben Regine getroffen und ihr ein paar Fragen gestellt:

Hallo Regine, seit wann lebst Du in Mülheim?

Ich bin von der Südstadt vor 6 Jahren nach Mülheim gezogen. Ich kannte dieses Stadtviertel durch meine Tätigkeit bei Merzenich und durch eine Stelle in einem Wohnheim für psychisch Kranke, in dem ich mein Anerkennungsjahr gemacht habe. Damals habe ich Mülheim schätzen gelernt. Es hatte schon seinen Reiz. Mein Umfeld konnte das nicht verstehen, da Mülheim einen schlechteren Ruf hat, als es diesen verdient. Wir haben hier eine schöne große Wohnung. Die Nähe zum Rhein ist einfach toll. Es ist immer wieder schön dorthin zu gehen und die Schiffe zu beobachten. Ich hab immer so `ne Sehnsucht nach dem Meer. Außerdem hat Mülheim wunderschöne Ecken, mit tollen alten Häusern. Ich mag die kleinen netten Cafes. Ständig trifft man Leute, die man kennt. Das gefällt mir sehr gut. Außerdem gefällt mir, dass hier sehr viele Kulturen zusammen leben. Die indische Großfamilie, die im Park im Sommer grillt. Oder die türkisch-stämmigen älteren Herren, die hier erzählend ihre Runden drehen. Der Markt auf dem Wiener Platz. All das finde ich wirklich toll.

Gibt es etwas, was Du ändern würdest.

Mir gefällt zum einen der schlechte Ruf, den Mülheim hat nicht. Dann würde ich mehr Grün auf dem Wiener Platz schaffen. Außerdem würde ich mir wünschen, dass es mehr Berührungspunkte zwischen den Kulturen gibt. Das sind ja doch noch oft abgetrennte Welten. Es würde mich freuen, wenn es mehr Stätten und Aktivitäten gibt, die alle gemeinsam nutzen, um sich näher zu kommen, um voneinander zu profitieren. Meist sind es die Menschen selbst, die sich abschotten. Irgendwie müsste man es hinkriegen, dass die Leute offener und neugieriger aufeinander zu gehen. Dabei geht es ja auch um die innere Haltung. Veränderung fängt immer in uns selber an. Ich habe in meiner Arbeit Menschen aus ganz verschiedenen Kulturen kennen gelernt und empfand das stets als etwas Bereicherndes. Außerdem würde ich mir ein Kino in Mülheim wünschen.

Was sind die wichtigsten Vorteile der Methode MBSR für dich?

Es verbindet alles was mir wichtig ist. Es ist eine pragmatische Methode und einfach ein guter Selbsthilfeansatz. Alles andere erschließt sich im eigenen Tun. Man kann mit minimalem Aufwand etwas wirkungsvolles im Alltag für sich erreichen. Schlagsätze sind zum Beispiel: “Umarme deine Wut“ oder wenn du wieder Angst hast, „Begrüße sie freundlich“. Das klingt so bescheuert, aber es wirkt. Man bekommt eine Beobachterposition. Dann wird es einfach und gut. Es schafft Gelassenheit. MBSR ist ein Weg der Bewusstwerdung in einer annehmenden Haltung. Dieses Wertschätzen und freundliche Annehmen von mir selbst ist sehr befriedigend für mich. In dem Kurs bekommen die Teilnehmer u.a. CDs, auf denen die Körperwahrnehmungs- und Meditationsübungen für zu Hause drauf sind. Das Ziel ist es, dass man das eigentlich gar nicht mehr braucht und dieses achtsame Leben, im Augenblick, einfach tut. Es sollte irgendwann zu einer Lebenshaltung werden. Denn es bringt nichts durch den Alltag zu hetzen und dann mal ne halbe Stunde zu meditieren. Es überträgt sich auch auf andere Menschen. Man erfährt und gibt mehr Frieden. Dass die Dinge nicht so laufen, wie man’s will... so ist das Leben. Das kann man nicht beeinflussen, aber die eigene Einstellung dazu schon.

Du hast bereits viele verschiedene Entspannungsmethoden ausprobiert. Wie bist Du zu MBSR gekommen?

Ich war immer schon auf der Suche nach Antworten... Was ist wirklich wichtig im Leben? Wer bin ich? Was will ich?.. Was mich bei den meisten Methoden immer störte war, dass ich mich stets einer gewissen Ideologie verpflichten musste. Das ist bei MBSR nicht der Fall.

Der Sinn erschließt sich im Tun. Egal welcher religiösen oder ideologischen Gesinnung ich angehöre. Zum anderen konnte ich die Kernaussagen aller Entspannungsmöglichkeiten, man solle „Loslassen“, einfach nicht umsetzen. Ich dachte dann immer: „Schön! Nur WIE soll ich das machen?“ Bei allen Therapien und Seminaren habe ich mir selbst diesen Druck gemacht: Endlich muss ich doch mal gelassen sein, endlich sich alles gelöst haben. Endlich sollte ich in Frieden mit mir selbst sein. Ich habe mich dann auf mein Kissen gesetzt, in mich reingefühlt und gemerkt, wie unruhig ich eigentlich bin. Das hat in mir das Gefühl hinterlassen: Ich bin nicht vollkommen und ich bin nicht gut genug. Ich kann nicht zur Ruhe kommen.

Du hattest eine persönliche Krise und hast dich nach langem Zögern für eine Kur entschieden. Obwohl Du ausgebrannt warst und auch körperliche Beschwerden hattest, hast Du dich schwer getan diese Hilfe anzunehmen. Warum?

Ich bin Sozialarbeiterin und arbeitete damals in einer Einrichtung für psychisch kranke Menschen. Diese haben schlimme Erlebnisse gehabt und sind zum Teil traumatisiert oder haben Suchterkrankungen, Ich war von Arbeitslosigkeit bedroht und hatte ständig mit schweren Schicksalen zu tun. Irgendwann meinte eine Freundin, „Ich glaub du hast `nen Burn out.“ Und ich dachte WOW! Ich habe immer nach einem Begriff gesucht, der mir meinen Zustand erklärt. Dann empfahl mir jemand, ich solle doch mal eine Kur machen. Ich war empört: „Ich doch nicht. Ich bin doch diejenige, die Menschenhilft. Ich brauch keine Kur.“ Also habe ich immer weiter in meinen Selbsthilfebüchern gelesen, gegrübelt und bin weiterhin „tapfer“ gewesen. Mein Zustand wurde aber nicht besser. Irgendwann hab ich mir gesagt, ich probiere das jetzt doch mit der Kur. Ich stellte einen Antrag, der wurde abgelehnt und es hat ganz lange gedauert, bis ich die Genehmigung hatte. Es war ein langer Kampf, eigentlich mit mir selbst und meinen Überzeugungen, dass ich das nicht brauche. Noch als ich zur Klinik fuhr, kämpfte ich mit mir. Ich sah auf dem Schild, das am Eingang hing, das Wort „Klinik“ und wollte sofort wieder umdrehen. Ich gab mir eine Schubs: „Dir geht’s schlecht, jetzt steh auch mal dazu und nimm Hilfe an!“ Als ich mich dann getraut habe in der Vorstellungsrunde von meinen Problemen zu erzählen, fühlte ich mich unwahrscheinlich gut. Ab da lief alles irgendwie von selbst. In dieser Kur hast Du deine ersten Erfahrungen mit MBSR gemacht.

Wie war das?

Es war eine tolle Erfahrung. Wir haben viele Übungen gemacht. Eine davon, war eine Meditation. Wir sollten einige Minute im Stillen sitzen. Da war es wieder mein altes Problem. Ich war wieder unruhig, die Selbstzweifel, wie „Ich kann das alles nicht.“ „Was soll mir das denn jetzt bringen?“...kamen wieder in mein Bewusstsein. Wir haben dann im Nachhinein darüber gesprochen. Ich konnte endlich einmal erzählen. Dadurch konnte mir der Trainer helfen. Er hat mir erst mal klar gemacht, wie mein Denken funktioniert, wie ich mich permanent selbst verurteile, wie kritisch ich mit mir bin und wie ich mit Dingen umgehe, wenn sie nicht so sind, wie ich sie haben will. Er hat mir immer nett und freundlich gesagt: „Nimm diesen Zustand einfach erstmal für dich so an, wie er ist.“ Ich antwortete: „Ich will es aber nicht so haben.“ Worauf er mir klar machte, dass das Annehmen der erste Schritt sei, um etwas zu ändern. Er meinte: „Spür was ist. Nimm es an, wie es ist. Und dann lass es wieder los.“ Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, das ist also mit Loslassen gemeint! Auch konnte ich mich immer gut in meine Gefühlen suhlen. Hier lernte ich, dass man, wenn man in bestimmte Gefühle zu viel Energie steckt, sie immer weiter anfacht. Einfach innerlich einen Schritt zurücktreten und sich zum Beispiel sagen: „Ok, ich bin jetzt aufgeregt. Das darf sein.“ Allein dadurch wird man gelassener. Es ist schwer zu beschreiben, da dies eine Methode ist, die über das Tun funktioniert.

Ursprünglich hast Du eine Bäckerlehre gemacht Warum bist Du in den Psychiatrischen Bereich gewechselt?

Irgendwann konnte ich die Maschinen nicht mehr sehen. Ich wusste nicht so recht, was ich machen sollte. Ich konnte gut zuhören, Menschen und deren Geschichten haben mich schon immer interessiert. Aber eigentlich war für mich immer klar, dass ich nie im sozialen Bereich arbeiten werde. Über Zufall habe ich fast ein Jahr als Stationshilfe in einem Krankenhaus gearbeitet. Tod und Sterben war immer ein Thema für mich. Die Patienten kamen auf mich zu und erzählten. Ich habe dort einfache Arbeiten verrichtet und hatte somit Gelegenheit zuzuhören. Das hat mich angezogen. Also entschied ich mich für eine Krankenpflegerausbildung. Dadurch bekam ich auch Kontakt zu Menschen, die sterben. Diese sind absolut ehrlich. Das ist eine wirklich tiefgreifende Erfahrung für mich gewesen. Patienten in schwierigen Situationen zu sehen, zu erleben und zu beobachten, wie deren Weg ist. Wie Menschen Situationen aushalten, von denen man glaubt, dass sie nicht auszuhalten sind. Darüber kam ich in eine psychiatrische Klinik. Das rein medizinische hat mich dabei nicht interessiert. Ich wollte meine beraterischen Möglichkeiten ausweiten. Also entschied ich mich Sozialarbeit zu studieren.

Du hast also in der Betreuung psychisch kranker Menschen dein zu Hause gefunden?

Psychisch Kranke, der Ausdruck gefällt mir irgendwie nicht. Man denkt dann an Verrückte, die auf den Tischen tanzen...Natürlich gibt es Krankheitsbilder, die die Realität völlig ausblenden, doch normaler Weise sind es Störungen, die wir auch von uns kennen, nur etwas ausgeprägter. Allein durch das Dasein, durch Anteil nehmen an den Schicksalen und zuhören, kann man schon helfen. Das war total schön für mich zu sehen. Das Klischee, welches der Psychiatrie anhaftet, hat sich überhaupt nicht bestätigt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sehr vorsichtig mit Medikamenten umgegangen wird. Die Patienten werden eher durch Gespräche und Kontakte begleitet. Es bereichert mich immer wieder. Es führt mir vor Augen, dass Krisen einfach zum Leben dazu gehören. Man sieht was hinter den Symptomen steckt und erfährt die Geschichte dazu. Außerdem sieht man die Entwicklung und es macht mir Freude Menschen zu begleiten.

Und doch bist Du in eine Krise geraten. Wie siehst du das im Nachhinein?

Meine persönliche Erfahrung und auch aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, die in Helferberufen tätig sind, ist, dass man sich unter sehr starken Druck setzt. Oft kann man Menschen nicht helfen oder die Hilfe wird nicht angenommen. Man hat große Verantwortung mit der man umgehen muss. Es ist schwer, aber man muss sich eines klar machen. Ich kann nur tun, was ich tun kann und alles andere steht nicht in meinen Möglichkeiten. Durch meine derzeitige Tätigkeit in einer Einrichtung zur beruflichen Wiedereingliederung nach einer psychischen Erkrankung, habe ich mehr Verständnis dafür bekommen, wie schwer sich viele Menschen in einer Krise tun. Oft sind es nicht die äußeren Faktoren, sondern man selbst. Wie viele denken, ich muss stark sein, ich muss anderen helfen und und und Genau das habe ich auch getan.

...Und was wünschst Du dir persönlich für die Zukunft?

Ich habe Lust darauf, meine Erfahrungen und das, was mir selber so gut getan hat, mit anderen zu teilen. Weil ich glaube, dass das auch etwas bewirken kann in der Welt. Wie gesagt, Veränderung fängt immer in einem selber an. Ich hoffe, dass MBSR hier angenommen wird.

Außerdem würde ich gern einmal um die Welt reisen. Man bekommt auf einer Reise eine neue Perspektive auf das eigene Leben. Ich würde gern ein paar Monate frei zu nehmen und mir einige Orte auf dieser Welt anschauen.

Vielen Dank für das bereichernde Gespräch!

Weitere Informationen:

MBSR-Kurs: MegaHerz

 

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