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Die Emanzipation der Lebendigkeit - Davide Brocchi

Davide Bocchi Teil 2 Foto Teona GogichaishviliDer Sozial- und Kulturwissenschaftler Davide Brocchi berichtet im Gespräch mit unserer Redakteurin Regina Nußbaum über seine Erfahrungen aus seiner Forschung und den Reallaboren im Bereich Nachhaltigkeit und Kulturwandel. Im zweiten Teil des Interviews erfahren wir, wie Städte und Orte durch Kulturwandel resilienter werden können und warum dazu ein anderes Menschenbild notwendig ist.

Regina Nußbaum: „Wie können Städte und Orte resilienter werden?“

Davide Brocchi: „Resilienz bedeutet Widerstands- und Anpassungsfähigkeit. Resilienz ist das Gegenteil von Vulnerabilität, also Verletzlichkeit. Ein Prinzip, das aus der Psychologie und der Medizin kommt. Das heißt, es gibt keinen Automatismus zwischen Diagnose und Prognose: Eine Krankheit, die manche umbringt, kann bei anderen das Abwehrsystem stärken. Was für Individuen gilt, gilt genauso für Ökosysteme und soziale Systeme. Unabhängigkeit und Souveränität macht soziale Systeme flexibler und beweglicher in Bezug auf Krisen. Städte, die fremdversorgt werden, sind sehr stark vom Erdöl abhängig, also von der Weltlage. Resilienter sind Städte, die sich regionaler versorgen. Höhere Ölpreise sind für autogerechte Städte ein größeres Problem als für menschengerechte. Quartiere, wo mehr Menschen mit dem Rad fahren, sind resilienter als Quartiere, wo mehr Auto gefahren wird.

Unabhängigkeit bedeutet auch die Möglichkeit der Selbstbestimmung und Selbstverwaltung. In der Schweiz sind die Institutionen, die den Bürgern näher stehen, nicht die schwächsten, sondern die stärksten. So haben die Menschen vor Ort mehr Möglichkeiten, selbst zu entscheiden, was für sie gut oder nicht gut ist. In Deutschland entscheidet hingegen der Bund deutlich mehr als die Kommunen. Da wo es Quartiersräte gibt, haben diese meistens nur eine konsultative Funktion.

Kleinere soziale Systeme sind beweglicher

Je kleiner die sozialen Systeme sind, desto beweglicher sind sie. Je größer soziale Systeme sind, umso schwerfälliger sind sie. Ein weiteres Prinzip der sozialen Resilienz ist deshalb Dezentralisierung. Dazu kommt das Sozialkapital: Da, wo Menschen an einen Strang ziehen können, werden gemeinsame Probleme eher gelöst. In einer Atmosphäre des Misstrauens steht ein soziales System auch in Krisen schlechter da. Die Finanzkrise von 2008 hat Island viel stärker getroffen als Griechenland, aber die skandinavische Insel konnte die Krise viel schneller und besser überwinden. Warum? Weil sich die Bürger*innen dort zusammengeschlossen haben und durch Proteste die Regierung dazu brachten, die Banken nicht zu retten. Den Bankiers, die sich verspekuliert hatten, wurde der Prozess gemacht. So vermied das Land, dass die Finanzkrise zu einer Staatsverschuldungskrise wurde. Der Wille der Bürger konnte sich in Island durch einen Volksentscheid formalisieren. Diese Bedingungen fehlten in Griechenland: Die Banken wurden dort gerettet, der Staat verschuldete sich und bekam dann eine neoliberale Politik von den Kreditgebern aufgezwungen. Dem Volk wurde so Elend verschrieben.

Kulturelle Vielfalt ist ebenso für die Resilienz entscheidend. Soziale Systeme, die alles auf eine Karte setzen, leben gefährlicher. Jede Ideologie ist eine Monokultur: Das ist das Gegenteil von kultureller Vielfalt. So herrscht in unserer Gesellschaft eine ökonomische Monokultur, bei der Wirtschaftswachstum über alles gesetzt wird. Ideologien zeichnen sich durch die besondere Eigenschaft aus, dass die Ursachen der Probleme immer wieder als Lösung verpackt werden. So ist es mit dem Fortschrittsmythos und dem Glauben, dass das Elektroauto die Erde retten wird. Eine plurale Ökonomie, die eine Vielfalt von Wirtschaftsweisen zulässt, ist nachhaltiger als jede neoliberale Monokultur. Die UNESCO hat 2001 selbst anerkannt, dass die kulturelle Vielfalt für die Resilienz einer Gesellschaft genauso wichtig ist, wie es die Artenvielfalt für die Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen ist.“

Regina Nußbaum: „Du plädierst für einen Kulturwandel. Was genau bedeutet das deiner Meinung nach?“

Davide Brocchi: „Kultur ist für mich der Bauplan der Gesellschaft. Die Kultur materialisiert sich zum Beispiel in der Stadtentwicklung. Städte werden weltweit immer austauschbarer, weil sie materialisierte Monokulturen sind. Sie werden wie eine Megamaschine gestaltet und verwaltet. Geplant werden Parkplätze, Privatwohnungen und Geschäfte, nicht aber Gemeinschaftsräume. In einer solchen Stadtentwicklung hat weder die ökologische noch die kulturelle Wildnis einen Platz, obwohl Vielfalt Städte resilienter macht. In der modernen Stadtplanung materialisiert sich ein negatives Menschenbild. Es ist ein individualistischer Mensch, der nicht teilen kann, dafür stehen private und kommerzielle Räume. Aber auch im Öffentlichen drückt sich ein negatives Menschenbild aus. Die moderne Staatstheorie ist jene des Leviathan des Philosophen Thomas Hobbes: Es braucht die Autorität des Staats, um die gesellschaftliche Ordnung zu garantieren, denn sonst würden sich die Menschen gegenseitig umbringen, nach dem Motto „Homo hominis lupus“ (jeder ist jedem ein Wolf). Wenn öffentliche Verwaltungen eher Ordnungshüter als Ermöglicher sind, dann hat dies auch mit einem Menschenbild zu tun, dass im Westen dominiert.

Für die Transformation zur Nachhaltigkeit brauchen wir deshalb ein anderes Menschenbild, vermutlich auch ein anderes Gesellschaftsbild und Naturbild. Wir brauchen einen anderen geistigen Bauplan für die Stadtentwicklung. Das ist der Kulturwandel.

Die Stadt als Dritter Erzieher

Winston Churchill sagte einmal 1943: „Erst gestalten wir unsere Gebäude, dann gestalten sie uns“. Erst formen wir unsere Städte und dann formen sie uns. Wer eine autogerechte Stadt entwirft, erzieht autogerechte Menschen. Wer die Innenstädte als Einkaufszentren gestaltet, erzieht die Menschen zum Massenkonsum. Unser Verhalten wird auch durch materielle Infrastrukturen im Alltag stark gelenkt und jede Verhaltensweise, die davon abweicht, hat es entsprechend schwer. Eine materialisierte Kultur ist viel schwerer zu ändern als eine geistige. Mit dem Tag des guten Lebens wurde ein Stück Infrastruktur verflüssigt, indem der öffentliche Raum umgedeutet und umfunktioniert wird. Wichtig ist die Frage, wer macht die Stadt für wen? Wie würden die Städte aussehen, wenn die Bürger*innen selbst die Stadtentwicklung bestimmen würden?

Die erste Herausforderung beim Tag des guten Lebens war, die Akteure der Stadt und der Nachbarschaften zur Kooperation zu bewegen. Demokratie will schon in einer Straße gelernt werden, denn schon hier vertreten Bewohner*innen verschiedene Interessen und Perspektiven: Manche wollen lieber mehr Parkplätze, andere weniger Autos, ältere Menschen wollen Ruhe, Kinder vor der Haustür spielen. Wie bringt man diese Interessen zu einer gemeinsamen Vision der Nutzung der Straße? Demokratie ermöglicht die Definition des Gemeinwohls, weil es die Betroffenen am besten tun können. Demokratie ermöglicht ein friedliches Zusammenleben in der Vielfalt.

Die zweite Herausforderung vom Tag des guten Lebens betraf das Verhältnis zwischen Bürgern und öffentlichen Institutionen: Wenn die Menschen im Quartier eine gemeinsame Vision für die Nutzung der Straßen entwickeln, werden sie dabei von der Verwaltung unterstützt oder in ihrer Vorstellung verhindert? In der politischen Hierarchie steht der Bürger oft am Ende und nicht ganz oben. Auch der Tag des guten Lebens wurde im Mai 2012 von der Bezirksvertretung Innenstadt in Köln abgelehnt. Die Begründung klang so: „Wir dürfen die Menschen mit solchen visionären Projekten nicht überfordern, vielleicht eine Straße, aber ein ganzes Quartier kommt nicht infrage.“ In der Politik wird der Bürger oft auf einen Autofahrer reduziert. Das Menschenrecht Auto fahren darf nicht einmal an einem Sonntag pro Jahr beschränkt werden. Demokratie setzt eine Erweiterung des politischen Raums sowie eine Augenhöhe zwischen Bürgern und Institutionen voraus. Wenn in diesem Verhältnis eine Ungleichheit herrscht, wie kann ein sozialer Ausgleich aussehen?

Neue Allianzen für die Transformation

Wer Kapital besitzt, kann damit die Städte mitgestalten: Das erleben wir bei Investoren. Normale Bürger verschaffen sich jedoch eine Augenhöhe mit den Institutionen nur, wenn sie miteinander kooperieren und Bündnisse bilden. Wir brauchen neue Allianzen für die Transformation, bunte Bündnisse. So schickte ich 2012 das Konzept des Tags des guten Lebens an viele Organisationen, Einrichtungen und Initiativen der Stadt, mit der Bitte um Unterstützung. Alle Unterzeichner des Konzeptes lud ich dann zu einem Treffen ein, wo sich das Bündnis Agora Köln gründete. Mit 50-60 Organisationen im Rücken konnte ich den Ehrenfelder Bürgermeister von der Idee überzeugen. Die Bezirksvertretung beschloss dann den Tag des guten Lebens einstimmig. Nach einer Weile gehörten mehr als 130 Organisationen zur Agora Köln, die Bezirksvertretung Ehrenfeld übrigens auch. Und so fand dann der erste Tag des guten Lebens am 15. September 2013 statt. Er zeigte, dass die Bürger manchmal weiter sind als die eigenen politischen Vertreter. Insofern war der Tag des guten Lebens auch eine Spielwiese für ein anderes Verhältnis zwischen Bürgern und Institutionen.“

Regina Nußbaum: „Was braucht es aus deiner Perspektive, um Menschen für nachhaltigen Kulturwandel zu begeistern?“

Davide Brocchi: „Menschen, die sich wertgeschätzt und ernstgenommen fühlen, lassen sich leichter begeistern, als Menschen, die das Gefühl bekommen, belehrt zu werden. Eine Transformation zur Nachhaltigkeit findet nicht statt, indem man die Quartiere mit der besseren Idee kolonisiert, sondern indem sie als Möglichkeit der kollektiven Emanzipation gestaltet wird. Es geht nicht darum, sich selbst eine Bühne zu verschaffen, sondern die Menschen selbst so zu aktivieren, dass sie selbst die Bühne teilen. Manchmal muss die Bühne auch geschützt werden, um offen gehalten zu werden: Gerade der Erfolg erhöht das Interesse der Individuen, im Zentrum zu stehen. Um vor solchen Dynamiken geschützt zu werden, ist es notwendig, partizipative Prozesse im Voraus zu durchdenken und sorgfältig vorzubereiten. Bevor die Transformation öffentlich wird, müssen die Multiplikatoren, die in den verschiedene Communities Vertrauen genießen, als Partner gewonnen werden. In jedem Quartier gibt es Türöffner genauso wie Türschließer.

Zur Transformation gibt es keinen Königsweg, weil jede Stadt und jedes Quartier eine Eigenart und einen Eigensinn haben, so dass sich Fragen nicht gleich beantworten lassen. Was in Köln Tag des guten Lebens heißt, muss vielleicht in einer anderen Stadt anders heißen, um ein ähnliches Potenzial auszulösen. Jede Stadt hat vielleicht eine eigene Sprache, um das gute Leben auszudrücken und um sich aktivieren zu lassen. Diese Spezifitäten müssen erstmal begriffen werden, um die richtige Strategie zu finden, deshalb ist die erste Phase der Transformation immer jene einer unvoreingenommenen Exploration. Da arbeite ich wie ein Ethnologe, der einen neuen Planeten erkundet und erstmal verstehen will, wie er tickt.

Im Kulturwandel ist das Medium selbst oft die Botschaft. Es ist nicht egal, ob ich mit den Menschen über ein Mailing oder persönlich kommuniziere. Es macht für die Qualität des Tags des guten Lebens einen großen Unterschied, ob im Voraus Mund zu Mund-Propaganda stattfindet – oder Werbung in den Massenmedien. Eine verbale Botschaft ist überzeugender, wenn sie durch die nonverbale Körpersprache, durch den „Habitus“ gestützt wird. Ich dachte, dass Berlin die leichteste Stadt für Transformation und Nachhaltigkeit ist. Meine Erkenntnis ist, dass Berlin vermutlich eine der schwierigsten Städte ist: Im Überfluss der Möglichkeiten hat es eine neue Idee gerade dort am schwersten. Entsprechend hoch ist die kommunikative Investition, die es in Berlin braucht, um eine kritische Masse in den Quartieren zu schaffen, die sich selbst trägt. Bündnisse können sich am besten tragen, wenn sie organisierte und nicht organisierte Menschen vernetzen. Zur Agora Köln zählen mehr als 130 Organisationen, aber jede ist vor allem mit sich selbst beschäftigt. Ein Bündnis lebt nur, wenn er einen Mehrwert für die bereits organisierten Mitglieder schafft und gleichzeitig neue Kräfte aktiviert.

Das Medium ist die Botschaft

Mit jedem persönlich reden, dass nimmt viel Zeit in Anspruch. Demokratie genauso. Wer hat heute in der beschleunigten Gesellschaft so viel Zeit? Bei diesem Ansatz braucht man am Anfang viel mehr Zeit, doch diese anfängliche Investition macht sich in einer zweiten Phase bezahlt, zum Beispiel, weil es in der Nachbarschaft keinen Widerstand gibt und die aktivierten Menschen selbst zu Multiplikatoren werden. Gerade der erste Tag des guten Lebens 2013 in Ehrenfeld hatte die vielleicht stärkste partizipatorische Dynamik, obwohl wir kein Geld hatten, um die Arbeit zu zahlen – oder vielleicht gerade deswegen. Denn eine freiwillige Motivation ist viel ansteckender und teilbarer als jene, die durch den Lohn entsteht.

Indem dieses Ritual jedes Jahr in einem anderen Quartier stattfand, wurde immer eine neue Nachbarschaft aktiviert und an die Agora Köln gebunden. Damit sollte in Köln eine Bewegung ständig wachsen, die die Stadt verändern sollte. Jeder Tag des guten Lebens hatte einen Themenschwerpunkt – und daran orientierte sich ein Zentralprogramm auf einer Straße. 2013 war der Themenschwerpunkt „nachhaltige Mobilität“. Verbände, Organisationen und Unternehmen aus Köln stellten damals auf der Venloer Straße ihre Ideen dazu aus. Auf dem Zentralprogramm konzentrierten wir dann die Besucherströme von außen, so dass ein wenig Schutzraum für die Nachbarschaften in den Nebenstraßen entstehen konnte. Einige Bewohner hatten nämlich die Sorge, dass man sich als Bewohner wie ein Tier im Zoo fühlen wurde. Auch Nachbarschaften brauchen eine schützende Membran, um sich als solche fühlen zu können.

Synergien schaffen mehr Bewegung

Das Zentralprogramm war wichtig, um den Tag nicht zu einem Event verkommen zu lassen und ihm eine inhaltliche Tiefe zu verleihen. Es sollte ein Forum für Stadtentwicklung sein. Der Tag durfte nicht ein Tag der Ökos sein, deshalb war mir immer sehr wichtig, dass die Themenschwerpunkte rotieren: mal ein ökologischer, mal ein sozialer, mal ein kultureller. Nur so fühlt sich eine Vielfalt von Akteuren angesprochen, nur so pflegt man neue Allianzen. Im zweiten Jahr war das Thema Freiräume, im dritten Jahr Ernährung. Ursprünglich war die Idee, dass der Tag des guten Lebens der Höhepunkt einer Kampagne darstellen sollte, bei der die Agora Köln eine Veränderung in der Stadt ankündigt, die man gemeinsam durchsetzen will. Jedes Jahr eine Veränderung in der Stadt, die demokratisch definiert und gemeinsam durchgesetzt wird. Diese Strategie sollte eine Progression im transformativen Prozess entsteht lassen.

Eine Progression könnte es geben, indem man ein Wochenende statt einen Tag des guten Lebens veranstaltet. Dresden hat sogar versucht, eine Woche des guten Lebens zu realisieren. Mit einer starken Bewegung könnte man erreichen, dass ein Investor in Köln verhindert wird und ein Teil des Wohnungsbestandes sozialisiert wird. Tatsache ist, allein mit der Umweltbewegung werden wir die Gesellschaft nicht ändern. Es braucht systemische Bewegungen im Lokalen, die verschiedene Belange und Akteure zusammen bringen. Wenn die Umwelt, die Gerechtigkeit und die Kultur Opfer der gleichen ökonomischen Logik sind, dann braucht es ihre Allianz, um diese Logik zu überwinden. Eine systemische Bewegung kann sich nur unter integrierenden Fragen bilden, zum Beispiel: „In was für einer Stadt wollen wir leben?“

Spannungsfelder der Transformation                        

Unkonventionelle Allianzen sind auch eine Herausforderung. In Ehrenfeld gab es anfangs Teile der Bevölkerung, die die Agora Köln als Fremdkörper erlebten. Der inzwischen verstorbene Fotograf Jürgen Schaden-Wargalla erzählte einmal, dass sich manche in der Nachbarschaft fragten, was die Agora Köln denn sei: „Ist das eine Sekte? Oder vielleicht Umweltaktivisten, die uns das gute Leben beibringen oder gar vorgeben wollen?“ Für manche Bewohner sollte der Tag vor allem ein Tag der Nachbarschaft sein, ohne inhaltlichen, vorgegebenen Überbau. Es gab auch Misstrauen und es brauchte Zeit und Interaktionn, um dieses Misstrauen zu überwinden.

Nach dieser Erfahrung in Köln habe ich es in Berlin anders gemacht. Dort wurden zunächst die nachbarschaftlichen Initiativen gebildet, und erst in einer zweiten Phase das stadtübergreifende Bündnis. So wurden die Nachbarschaften zum Mitbegründer des Bündnisses. Auch das war allerdings keine ideale Vorgehensweise. Weil Berlin eine Riesenstadt ist, stellt sich die Zusammenarbeit von Kiezinitiativen, die weit weg voneinander sind, besonders schwer dar. Es ist schon eine Leistung, wenn man Menschen dazu bringt, sich für den eigenen Kiez einzusetzen. Da gibt es nicht unbedingt noch die Extrakraft, eine weitere übergeordnete Ebene zu pflegen. Und doch hätte man das Berliner Abgeordnetenhaus nie dazu bringen können, dem Tag des guten Lebens zuzustimmen, wenn jedes Quartier für sich allein geblieben wäre. Gerade in Berlin ist ein einziger Kiez ziemlich unbedeutend. Um die große Politik zu bewegen, brauchte es dort eine andere kritische Masse als in Köln.“

Regina Nußbaum: „Ist dies ein fortlaufendes Projekt? Gibt es in Köln demnächst wieder einen Tag des guten Lebens?“

Davide Brocchi: „Das Projektdenken ist nicht unbedingt geeignet, wenn man Prozesse nachhaltig gestalten will, denn Projekte haben ein Anfang und ein Ende. In der Transformation ist der Weg das eigentliche Ziel, der Tag ist dabei nur ein Katalysator. In Köln ist der Tag des guten Lebens inzwischen eine Institution geworden. Jedes Jahr findet er in einem anderen Quartier statt. Es gab natürlich einen Knick wegen der Corona-Krise, in Erinnerung habe ich, dass er in Mülheim geplant war. Seit 2020 gibt es einen Tag des guten Lebens in Berlin und nach zwei Wiederholungen ist es wahrscheinlich, dass das Berliner Abgeordnetenhaus einer Finanzierung für weitere zwei Jahre zustimmt – das ist meine letzte Information.

Auch Wuppertal hat seit 2021 einen Tag des guten Lebens, während die Woche des guten Lebens in Dresden abgesagt wurde, obwohl die Finanzierung stand. Für ein autofreies Quartier von Montag bis Sonntag war die Verwaltung dort doch nicht bereit und die hohen Auflagen haben die engagierten Bürger am Ende demotiviert, weiter dafür zu kämpfen. Eigentlich hat Dresden mit der jährlich stattfindenden „Bunten Republik Neustadt“ eine gute Vorlage für eine Woche des guten Lebens, denn da ist ein ganzes Quartier für drei Tage autofrei. Das Leitbild der autogerechten Stadt ist in manchen Verwaltungen jedoch so fest verankert, dass sich Alternativen nur schwer durchsetzen lassen.

Im Moment ist der Tag des guten Lebens das vielleicht beste Quartiersfest bundesweit. Das ist schön, aber darum ging es mir wirklich nicht, als ich 2011 die Idee entwickelte und eine Auszeichnung dafür bekam. Viel entscheidender war für mich die Frage, wie wir die Großstädte und dadurch die Gesellschaft in Bewegung bringen können: nach der Finanzkrise, dem Scheitern der UN-Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen und den Skandalen um die Großprojekte U-Bahn in Köln und Stuttgart 21. Städte sind heute Krisenherde und können doch Pioniere des Wandels sein, das war der Ausgangspunkt der Idee.

In den letzten Jahren haben wir versucht, die städtische Initiativen für den Tag des guten Lebens zu vernetzen: Köln, Berlin, Dresden, Wuppertal, Hamburg, Minden. Dabei ging es nicht nur darum, einen gemeinsamen Termin zu vereinbaren, um eine höhere Sichtbarkeit bundesweit zu bekommen. Es ginge auch um die Feststellung, dass jede lokale Initiative mit den gleichen Problemen zu kämpfen hat und wir die Rahmenbedingungen auf einer übergeordneten Ebene nur gemeinsam ändern können. Aber eine weitere übergeordnete Ebene? Das war für die lokalen Initiativen zu viel, obwohl das Potenzial und die Notwendigkeit da wäre. Vielleicht kommt das noch, vielleicht wird diese Ebene irgendwann gefördert. Durch einen bundesweiten Workshop haben wir es 2019 trotzdem geschafft, eine bundesweite „lernende Charta des Tags des guten Lebens“ auszuarbeiten, um zu vermeiden, dass die Idee zu beliebig umgesetzt wird. Das Prinzip der Nichtkommerzialität des Tags ist für das Konzept fundamental, und doch stand es zur Diskussion. Auch in Köln wird Kommerz beim Tag des guten Lebens teilweise erlaubt. Ich halte es nach wie vor für einen Fehler.“

Regina Nußbaum: „ Hast du bei dem Thema einen langen Atem?“

Davide Brocchi: „Im Tag des guten Lebens steckte einiges von mir, aber meine Berufung heißt nicht so. Diese Erfahrung ist eine Station in meinem Lebensweg gewesen. Ich bin froh, wenn die Idee weiterlebt, ich werbe gerne dafür, aber meine Reise geht auch weiter. Die Transformation zur Nachhaltigkeit ist kein Masterplan, den wir nach und nach umsetzen. Sie erfordert auch eine mentale Beweglichkeit und nicht nur Verbissenheit. Die Transformation selbst muss menschengerecht gestaltet werden. Ein Leben ist gut, wenn dabei nicht nur die planetarischen Grenzen berücksichtigt werden, sondern auch die menschlichen – und ich habe inzwischen gelernt, auf meine eigenen Grenzen zu achten. Keiner von uns ist allmächtig und Kooperation setzt auch ein Stück Demut voraus. Auch der Tag des guten Lebens darf nicht zu einer Maschine verkommen, die man regelmäßig bedienen muss.

Jedes Quartier hat eine andere Zeit. Was in Ehrenfeld damals in sechs Monaten erreicht wurde, braucht in anderen Quartieren zwei oder mehr Jahre. Je größer die soziale Ungleichheit zwischen Impulsgeber und einer Bewohnerschaft ist, desto mehr Zeit braucht man, um Vertrauen aufzubauen, das ist meine Erfahrung. Sozial gemischte Quartiere brauchen in der Regel mehr Zeit, um dort einen möglichst inklusiven Prozess hinzubekommen. Auch die kulturellen Einstellungen spielen eine wichtige Rolle. Sowohl in Ehrenfeld als auch in Sülz dominiert die Mittelschicht, aber die Lebenseinstellungen unterscheiden sich. In Ehrenfeld dominiert ein Milieu, das Nachhaltigkeit, Sharing Culture und Unkonventionalität hochschätzt. In Sülz ist der Lebensstil privater: Eher Akademiker, die Karriere machen, die sich auf Familie, Nachwuchs und Zuhause fokussieren. Das gute Leben sucht man dann lieber in einem fernen Land als in der Nachbarschaft. Wohlhabende Menschen brauchen nicht unbedingt eine Nachbarschaft. Wer mehr ökonomisches Kapital hat, braucht oft wenig soziales Kapital – und umgekehrt. Entwicklungspolitik braucht es deshalb nicht nur für benachteiligte Quartiere, sondern auch für privilegierte Quartiere. Gerade die Leute, die genug Geld haben, können soziale Prozesse der Transformativen erschweren, indem sie einen Rechtsanwalt beauftragten, per Eilverfahren den Tag des guten Lebens zu blockieren, um sich das Menschenrecht Autofahren nicht beschneiden zu lassen – auch nicht an einem Tag pro Jahr. Diese Erfahrung haben wir 2015 in Sülz gemacht.“

Regina Nußbaum: „Wie sehen deine weiteren Pläne aus?“

Davide Brocchi: „10 Jahre lang habe ich in Köln und in Berlin an solchen intensiven Vorhaben gearbeitet. Ich lasse mich von den nächsten 10 Jahren überraschen. Ich plane das Leben nicht nur oder nicht mehr, sondern lasse auch das Leben geschehen. Manchmal trifft das Unbewusste die Entscheidung für mich. Ich brauche immer eine Abwechslung von Theorie und Praxis. Nach zehn Jahren Praxis habe ich die Corona-Krise genutzt, um den Lernprozess zu reflektieren und zur Geltung kommen zu lassen, indem ich in Hildesheim promoviert habe. Bald wird mein erstes Buch in Italien erscheinen und ein weiteres Buch in Deutschland. Mir macht auch die Lehre Spaß, die Zusammenarbeit mit den Studierenden. Ich habe einen Lehrauftrag an einer Hochschule in Berlin angenommen. In Prenzlau arbeite ich im Auftrag der Stadtverwaltung an einem partizipativen Prozess mit, der zur Entwicklung eines Stadtleitbildes Prenzlau 2050 führen soll. In Bremen begleite ich einen Transformationsprozess in einem Quartier. Ich lasse mich sonst überraschen. Als Mensch mit Migrationshintergrund habe ich lange das Prekariat erfahren, das hat mir manchmal zugesetzt. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich mich heute irgendwie über Wasser halten kann und dabei den großen Fragen nachgehen kann.

Die Sehnsucht nach Lebendigkeit

Die Sehnsucht nach Lebendigkeit ist an vielen Orten spürbar. Nicht nur die unteren Schichten, sondern auch die oberen Schichten haben teilweise verstanden, dass wir etwas anderes brauchen. Diese Energie ist da, sie kann auch relativ schnell aktiviert werden und dann ist die Frage, wie muss diese Energie kanalisiert werden, damit sie eine gemeinsame Kraft bildet und lebendig bleibt. Bei vielen Menschen wirken immer noch tief liegende Verletzungen, in Deutschland sind auch jene des Zweiten Weltkriegs immer noch spürbar: Sie sind von Generation zur Generation übertragen worden. Es sind auch diese Verletzungen, die dazu führen, dass Menschen im Alltag lieber funktionieren und sich an einer Ordnung festhalten, anstatt Lebendigkeit zuzulassen. Im Prozess zum Tag des guten Lebens hatte ich manchmal das Gefühl, dass sich viele nach etwas sehnen, aber nicht wissen, wie sie dahin kommen. Das innere Kind dieser Gesellschaft ist unterfüttert – und es braucht Raum, Zeit und Zuwendung.

Seitdem ich diese Stadt (Köln) durch den Tag des guten Lebens ein wenig mitgestalten durfte, fühle ich mich ein wenig mehr heimisch. Für einen Migranten ist die Heimat dort, wo man mitgestalten darf. Ein Migrant, ein Stück Andersartigkeit, steckt in jedem Menschen.

Mitgestalten ist viel mehr als wählen zu dürfen. Es bedeutet, Subjekt statt Objekt der Politik zu sein – und Politik ist für mich mehr als die Parteipolitik. Es heißt für die Politik statt von der Politik zu leben (Max Weber). Wenn wir heute eine geringe Wahlbeteiligung haben, dann ist dies ein Alarmzeichen und kein Hinweis darauf, dass sich Menschen für Politik nicht mehr interessieren. Wir müssen den Raum der Politik erweitern und öffnen – und die Straße als Agora, die Nachbarschaft als Ort der gelebten Demokratie verfolgte beim Tag des guten Lebens dieses Ziel. Für eine starke Form von Partizipation brauchen wir eine Demokratisierung der Demokratie: Echte Bürgerbeteiligung gibt es nur, wenn man woanders bereit ist, ein Stück Macht abzugeben. In den Institutionen herrscht noch ein gewisses Misstrauen gegenüber Bürgern – und das sollte sich ändern. Auch der Erfolg des Tags des guten Lebens hat gezeigt, dass es sich lohnt, mehr Verantwortung auf die Bürger zu übertragen und sie in ihren Vorhaben zu unterstützen.“

Regina Nußbaum: „Vielen Dank für das Gespräch und gutes Gelingen!“

Zur Person:

Davide Brocchi, geboren 1969 in Rimini, lebt in Köln, ist Sozial- und Kulturwissenschaftler und erforscht gesellschaftliche Transformationsprozesse in Theorie und Praxis. 2021 promovierte er am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Davide Brocchi ist Autor und hat einige Bücher veröffentlicht.

Weitere Infos: www.davidebrocchi.eu

Text: ©Regina Nußbaum
Foto: Davide Bocchi ©Teona Gogichaishvili

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