das Kultur und Nachrichtenmagazin

:tim - Muscheln - Albumrelease 30.08.19

tim muschel„Komm auf die Insel der Liebe“, lockt eine sanfte Bébé Née zu sachtem Windrauschen und chilligen Klavierakkorden. „Bitte lass mich nur noch einmal“ antwortet Tim, „an der goldenen Pfeife ziehen.“

Der eineinhalb-minütige Opener enthält bereits zentrale Motive des neuen Albums „Muscheln“ von Robert Defcon. Es geht um Liebe, von der sirenenhaften, unentrinnbaren Verführung zur körperlichen Lust und Verliebtheit, über die Ahnung von Abschied und Ende bis schließlich zum Neuanfang, getaucht in Bilder von Meer, Wasser, Feuchtgebieten. Die Musik wogt lasziv und entspannt, rollt zuweilen hochgefunkt, meist eher mit nachdrücklichem Schwappen, zärtlich arrangiert, mit entspannten Funk-Grooves.

Inspirationen zum Meer schöpft Defcon aus einer Anregung von Klaus Theweleit, passenderweise aus einem Gespräch auf Sylt, für den, erinnert er sich, das „ozeanische Gefühl“ einerseits für die Entgrenzung und einen Gegenentwurf zum „faschistischen Männerkörper“ steht. Zugleich jedoch beschreibt der Ozean ein Element der Gefahr, einen Ort, der unbekannte, auch bedrohliche Dämonen beherbergt. Nicht umsonst musste sich Odysseus an den Schiffsmast fesseln lassen, um den Gesang der Sirenen erleben zu dürfen. Er wappnete sich mit trockener Rationalität gegen die verführerische Flut des Begehrens.

Zwischen diesen beiden Polen oszilliert die auf „Muscheln“ entfaltete Sprache der Liebe: Das Nicht-Loslassen-Können ringt mit der Hingabe, Selbstliebe mit kosmischer Weite: Das sind Defcons Lebensthemen. Die Songs nahmen zwar erst in den letzten vier Jahren Gestalt an – die ersten Skizzen reichen jedoch schon zwei Jahrzehnte zurück.

Damals hatte er im Umfeld der exilkanadischen Peaches und Gonzales gearbeitet, letzterer noch nicht das selbsterklärte Allround-Genie, sondern Keyboarder. Mit Gonzales, Raz Ohara und Markus Fesl organisierte Defcon eine Partyreihe im Club Maria, mit stundenlangen, schweifenden Sessions, die er heute als Blaupause seiner weiteren musikalischen Entwicklung sieht: Auch die Tracks von „Muscheln“ entstanden aus langen, meist kollektiv improvisierten Strecken, die er am Rechner „bildhauerisch“ auf die kurzen Songformen des Albums zusammenschnitt, so wie es die Edit-Pioniere CAN, über die er letztes Jahr mit Max Dax, Irmin Schmidt und Rob Young das Buch „All gates open“ geschrieben hat, schon prädigital im Krautrock vorgeführt haben.

Einige Stücke wurzeln im Trio A.M.T, das er mit seiner damaligen Partnerin Anne Khan und dem Gitarristen Dave Bennett 2005 gründete. Mit einem breiten Arsenal Hiphop-kompatibler Elektrostyles wirbelten A.M.T durch die Niederungen der Politik, denen sie mit surrealem Humor und einer auch derben, energischen Sexualisierung begegneten. Die Art-Hopper spielten zur documenta in Kassel, in einem Hamburger Bordell, auf dem Berliner Pornfilmfestival und inszenierten ein pressewirksames Reenactment des Love-Ins von John & Yoko im Berliner Nobelhotel Ritz-Carlton.

Das titelgebende „Muscheln“ und „Loveparty Intl.“ knüpfen direkt an A.M.T an. Das erste holt die explizite Elektro-Lüsternheit des A.M.T-Originals aus einem kühlen Dubstep in die abendwarme Lust aus leichter, funky Bassline zu Claps und einer flirrenden Gitarre. „Loveparty“ wiederum, auch eine A.M.T-Reminiszenz, schwelgt mit einem digitalen Beat in Champagner und Sex, wobei es den erotisierten Luxus zugleich als frohen Hedonismus feiert und - verdeutlicht im „Korrekt“-Zitat aus Kraftwerks „Das Modell“ – als Cyborg-Perfektionismus einer Heidi Klum ausmalt.

Die traurige Trennung von seiner Partnerin und das Ende von A.M.T ließen Defcons Gedanken reifen, den pornografisch-politischen Komplex mit Liebe zu heilen. Zuerst betrieb der studierte Politologe und Philosoph in seiner Wohnung das Labor Defcon, dessen Ausstellungen und Veranstaltungen sich mit NSA-Skandal, dem Krieg gegen den Terror und dem globalen Zusammenbruch durch Klimawandel und Hyperkapitalismus beschäftigten. „Doch dann wurde mir immer klarer, dass ich mir die Dunkelheit nicht mehr ausmalen möchte“, sagt er. „Mir geht es um machbare, konkrete Utopie.“

Derzeit organisiert Defcon gemeinsam mit Funkarella aka Nazli Biber die Partyreihe Starwalk, die gegen trockenen Hyperindividualismus den kollektiven Genuss des Funk zu Wasser lässt: Anstelle lautstarker Konkurrenz tritt eine funkadelische Verschlingung, zu der in wechselnder Besetzung funky improvisiert wird. Das größere Bild wird in der Ankündigung einer von Arbeit befreiten Welt-Gesellschaft im Track „Menschheit“ greifbar, eingerahmt von der berühmten Martin-Luther-King-Rede „I have a dream“. Denn: „Wo Liebe war, wird Liebe sein, (die) Menschheit von ihren Ketten zu befreien“.

Dies nämlich der Trick eines bis in ein minimal-melancholisches Bandoneon-Gitarren-Instrumental handentspannten Albums: Sie öffnet Räume jenseits der vordergründigen Thematik. Der Brummbass und die angeraute Stimme des bluesigen „Krank nach Liebe“ klingen mit einem „Sexmachine“-Lick genau nach einer verzehrenden Sexdurststrecke - aber darauf folgt eine ebenso lustige wie gruslig aktuelle Rhetorikschulung aus den Fünfzigern, die angehenden Chefs leistungssteigernden Motivationssprech beibringt, um schließlich mit Überlegungen über fernsehende Katzen zu enden.

Noch in den träumerischen Tracks wie „Im Elysium“, „Und der Ozean“ oder „Am Ufer“, die wie zärtliche Berührungen von der Verliebtheit erzählen, wird der Horizont aufgerissen, bis man die Weite der Idee ahnen kann, die sich eben nicht im kleinen individuellen Glück erschöpft. Denn unsere Heimat ist nicht eine Beziehung, eine Gruppe oder eine Nation, sondern sie „war einmal das Meer“, der Sehnsuchtsort, an dem sich alle Identität auflöst. Und dessen Weite zugleich so kitschnah heranbrandet, dass Tim und Olivia ihre Liebe am Schluss nurmehr in der sternstaubschimmernden Computerstimme von „Das Salz“ besingen können.

Konsequent wird das Ende der Liebe bis auf 83 Sekunden Herzraub ausgespart oder besser: übersprungen. Wir landen stattdessen an einem Ort, in dem sich wieder eine sehnsüchtige Nacht auftut, die Hoffnung birgt und Kraft gibt. Der Traum ist aus, aber es gibt keinen Grund, ihn nicht weiterhin im Blick zu behalten.

:tim »Muscheln«
Format: CD, Download, Stream
Release Date: 30.08.2019
UPC: 859732737100
Label & Verlag: Labor Defcon

Quelle: idee deluxe

 

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