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Mit innerer Stärke Krisen in Chancen umwandeln "Dr. Alexandra Hildebrandt" Interview-Reihe zum Thema Resilienz

Dr. Alexandra Hildebrandt Foto Nicole Simon

Was macht uns krank, was hält uns gesund? Wie gehen wir als Menschen mit Lebenskrisen um? Wieso überstehen manche von uns Krisen und Herausforderungen besser als andere? Diese Fragen beschäftigen Forscher, Mediziner, Psychologen und andere Experten. Die psychische Abwehrkraft des Menschen, die sogenannte Resilienz, steht dabei immer mehr im Fokus der Diskussion und Forschung. In dieser Interview-Reihe spricht unsere Redakteurin Regina Nußbaum mit Persönlichkeiten, die in ganz unterschiedlichen Berufsfeldern tätig sind. Wie schätzen sie das Thema Resilienz ein? Wir beginnen mit der Publizistin und Nachhaltigkeitsexpertin Dr. Alexandra Hildebrandt.

Regina Nußbaum: „Welche Bedeutung hat für Sie Resilienz in der heutigen Zeit?“

Dr. Alexandra Hildebrandt: „Nicht nur heute und vor dem Hintergrund der Pandemie, sondern zu allen Zeiten haben Resilienz und Nachhaltigkeit eine wichtige Bedeutung. Beides sind Begriffe, die vor allem in gesellschaftlichen Krisen am häufigsten „gebraucht“ werden. In solchen Zeiten wächst das öffentliche Interesse an der Widerstandskraft der Einzelnen. Resilienz steht für die intelligente Nutzung begrenzter (auch psychischer) Ressourcen in instabilen Situationen. Die einzig verlässliche Quelle ist ein starker innerer Kern und der Wille, „alles zu verändern und anzupassen außer diesem Kern“, sagte der Managementexperte Jim Collins vor einigen Jahren. Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie es weitergeht, aber auf alles gefasst und innerlich stabil zu sein, macht nicht nur klug, sondern auch unverwundbarer.“

Regina Nußbaum: „Wie sieht für Sie eine resiliente Lebenshaltung aus, und welche Rolle spielt dabei der Humor?“

Dr. Alexandra Hildebrandt: „Humor hilft uns, das Leben leichter zu nehmen und Schreckliches erträglich zu machen, indem es in eine erträgliche Distanz gerückt wird. Das hilft beim Durchhalten. Er kann zwar nicht Leben retten, uns aber aus der Schwere des Moments holen. Im Zusammenhang einer resilienten Lebenshaltung denke ich auch an den österreichischen Neurologen und Psychiater Viktor Frankl, der die Grauen des Holocaust erlitten und überlebt hat. Er äußerte danach: „Es gibt kaum etwas im menschlichen Dasein, das den Menschen so sehr und in einem solchen Ausmaß ermöglichte, Distanz zu gewinnen, wie der Humor.“ Er hilft, den Blick auf sich selbst neu auszurichten. Humor ist das Ergebnis eines stetigen Bewusstseinsprozesses, der das eigene Ego mit Abstand kritisch wahr- und vor allem nicht mehr ganz so ernst nimmt.“

Regina Nußbaum: „Gibt es für Sie einen Zusammenhang zwischen Resilienz und Nachhaltigkeit?“

Dr. Alexandra Hildebrandt: „Das Thema lässt sich am besten begreifen, wenn wir uns mit der Welt der Bäume beschäftigen: Sie haben die Fähigkeit zur Resilienz (von lat. „resilere“: „abprallen, zurückspringen“), denn sie haben die Stärke und Widerstandsfähigkeit, sich unerwarteten Herausforderungen (z.B. Stürme, Feuer, Überschwemmungen oder Dürre) anzupassen und lange Zeiträume zu überdauern. Werden sie verletzt, können sie sich selbst heilen oder aus dem Untergrund herauszuwachsen. Sie bauen aber auch vor: Das Protoplasma eines Baumes ist angereichert mit Energievorräten und Substanzen, die andere Organismen anziehen. Ihre Rinde funktioniert wie eine Rüstung, und sie stellen eine Vielzahl von wirksamen chemischen Verbindungen her, die als Gift oder Abschreckung gegenüber Eindringlingen dienen.

Der Begriff Nachhaltigkeit kommt aus der Forstwirtschaft und wurde 1713 erstmals von Oberberghauptmann Hannß Carl von Carlowitz verwendet. Er beinhaltet die Maxime, dass nur so viel Holz pro Periode geschlagen werden darf, wie auch nachwachsen wird. Wer einen Wald bewirtschaftet, darf zwar Bäume fällen und verkaufen, muss aber auch wieder neue anpflanzen für die nächsten Generationen.“

Wo erscheint das Resilienz-Thema im gesellschaftlichen Kontext zum ersten Mal?

Im „Deutschen Wörterbuch“ von 1809. Hier schreibt Joachim Heinrich Campe: „Nachhaltigkeit ist das, woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält.“ In abgewandelter Form erscheint diese Grundaussage (was tragfähig ist) im Bericht an den Club of Rome (1972). Es wurde nach einem Modell für ein Weltsystem gesucht, das „sustainable“ ist, was bedeutet, gegen den Kollaps von Gesellschaften gefeit zu sein, der auf die Übernutzung verfügbarer Ressourcen zurückgeht. In seinem lesenswerten Buch „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit“ hat Ulrich Grober nachgewiesen, dass mit Nachhaltigkeit von den Urtexten bis heute noch eine weitere Konstante verbunden ist: die Suche nach Sinn und dem guten Leben, das wichtige Ansatzpunkte für die Debatte einer Transformation hin zu nachhaltigen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen bietet.

Regina Nußbaum: „Wie würden Sie heutzutage ein gutes, „erfolgreiches“ Leben definieren?“

Dr. Alexandra Hildebrandt: „Im Kontext der Nachhaltigkeit geht es darum, die Aufgaben, die das Leben an uns stellt, so gut wie möglich zu meistern und ein Gefühl für den richtigen Augenblick zu bekommen. „Mein Berg“ heißt beispielsweise ein Song auf dem Album „Gipfelstürmer“ der Band Unheilig. Der Berg ist nicht nur ein Symbol für den Sänger der Graf, sondern war für ihn stets auch eine Aufgabe, der er sich mit Passion gewidmet hat. Dazu gehört beides: Leid und Leidenschaft wie beim Bergsteigen - das größte Glück, der absolute Flow und ultimative Kick, aber auch Verzweiflung und Angst. Die „Aufgabe“ gab dem Grafen Sinn und forderte ihn heraus, er ging er in ihr auf und gab sein Bestes. Dann wollte er die Spitze, die er so lange gestaltet hat, verlassen und zurückkehren ins normale Leben.

Veränderung und „nachhaltiger“ Erfolg gehören für mich zusammen: Im Hebräischen heißt das Wort für Erfolg „hazlacha“ („überqueren“): Wer einen Fluss, der ja selbst dynamisch ist, von einem Ufer zum anderen Ufer überquert, ist erfolgreich. Ziel ist das andere Ufer. Wer Neuland betreten und sich weiterentwickeln will, muss auch Mut haben und bereit sein, den Sprung ins Unbekannte zu wagen.“

Regina Nußbaum: „Halten Sie es für sinnvoll, Resilienz als Unterrichtsfach einzuführen?“

Dr. Alexandra Hildebrandt: „Resilienz sollte kein eigenes Unterrichtsfach sein, weil es wie Nachhaltigkeit ein übergreifendes Thema ist. Es ist in allen Fächern von Relevanz, braucht allerdings verschiedene Vermittlungsformen.“

Regina Nußbaum: „Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach Resilienz für unsere Zukunft?“

Dr. Alexandra Hildebrandt: „Um eine positive und resilientere Welt zu schaffen, brauchen wir zunächst eine Vorstellung davon, wie sie praktisch aussehen kann. Neue Ansätze einer lokalen, resilienten Wirtschaft werden gerade in Krisenzeiten zur Realität. Die Pandemie bestätigte einmal mehr, dass die entscheidenden Protagonisten immer die Menschen mit ihren hochgekrempelten Ärmeln und starkem inneren Antrieb vor Ort sind. Vor einigen Jahren hat es der Zeitgeist der „Egoshooter-Gesellschaft“, in der jeder um seine eigene Umlaufbahn kreist, geschafft, in einem einzigen Werbeslogan unterzukommen: „Unterm Strich zähl ich!“ Doch Welt, die nur aus Einzelkämpfern besteht, fällt auseinander, denn sie ist nicht krisenfest. Deshalb sind teamfähige Führungspersönlichkeiten gefragt, die gelassen, vorausschauend, flexibel und tatkräftig mit schwierigen Situationen umgehen können, mit sich im Reinen und innerlich stark sind.

Resiliente Menschen sind auch in schwierigen Situationen handlungsfähig. Sie können ihre Emotionen besonders schnell verändern und umdeuten – unangenehme Gefühle dauern bei ihnen nur kurz an, angenehme vermögen sie dagegen zu verstärken. Diese Fähigkeit wird in Zukunft immer wichtiger.“

Regina Nußbaum: „Welche Rolle spielen dabei Unternehmen?“

Dr. Alexandra Hildebrandt: „Resiliente Unternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine konstruktive und zukunftsorientierte Lernkultur praktizieren, in der Fehler offen als Lernchancen thematisiert werden und auch über Scheitern gesprochen werden darf. Sie nehmen schwache Signale für Risiken im Marktumfeld wahr, setzen auf Teamerfolge und emotionale, psychische Stabilisierung des Einzelnen. Resilienzfaktoren wie Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Widerstandskraft sollten in Unternehmen nicht als Neben- oder Zufallsprodukt der Unternehmenskultur betrachtet werden. Auch muss Nachhaltigkeit fest in den Strukturen verankert sein.“

Regina Nußbaum: „Wie sieht Ihre persönliche Resilienz-Rezeptur aus?“

Dr. Alexandra Hildebrandt: „Eine Rezeptur für alle gibt es nicht – jeder Mensch muss seine eigenen Erfahrungen machen. Auch mag ich den Begriff „Ratschlag“ nicht, weil er auch „Schläge“ assoziiert. Um als Mensch widerstandsfähig zu sein, ist es sicher wichtig, den Ursachen für emotional negative Zustände auf den Grund zu gehen, sich niemals als Opfer zu fühlen und die eigenen inneren Ressourcen nicht an Dinge zu verschwenden, die sich ohnehin nicht ändern lassen. So wie sich ein Schwamm bei Druck verformt, so ist es auch bei resilienten Menschen: Sie lassen negativ empfundene Gefühle wie Angst oder Trauer zwar zu, suchen aber wieder sehr schnell nach Wegen, um positive Gefühle zu erleben. Sie sind davon überzeugt, dass momentane schwierige Situationen wieder besser werden - und dass es richtig ist, Dinge anzupacken und einen positiven Ausgang zu erwarten. Wer dazu tendiert, hat auch eine größere Handlungs- und Durchhaltebereitschaft verfügt über Selbstwirksamkeitserfahrung.

Wer in dem, was er tut, einen Sinn sieht, ist auch in der Lage, sich nachhaltig einzubringen. Sinn liegt aber nicht einfach vor uns – er offenbart sich und wächst in der Beziehung zu anderen Menschen. Eine nachhaltige Zukunft gibt es nur in der Gemeinschaft, im Zusammenschluss von Menschen, die gemeinsame Ziele einen, die mit unvorhergesehenen Veränderungen umgehen können, die Freude daran haben, ihr Denken zu erweitern, die sich mutig auf unbekanntes Terrain wagen und sich ihren eigenen Unzulänglichkeiten stellen.“

Regina Nußbaum: „Vielen Dank für das Gespräch!“

Zur Person:

Dr. Alexandra Hildebrandt ist freie Publizistin, Autorin und Nachhaltigkeitsexpertin. Sie studierte Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaft. Anschließend war sie viele Jahre in oberen Führungspositionen der Wirtschaft tätig. Bis 2009 arbeitete sie als Leiterin Gesellschaftspolitik und Kommunikation bei der KarstadtQuelle AG (Arcandor). Beim den Deutschen Fußball-Bund (DFB) war sie 2010 bis 2013 Mitglied der DFB-Kommission Nachhaltigkeit. Den Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützte sie bei der Konzeption und Durchführung des Zertifikatslehrgangs „CSR-Manager (IHK)“. Sie leitet die AG „Digitalisierung und Nachhaltigkeit“ für das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt „Nachhaltig Erfolgreich Führen“ (IHK Management Training). Im Verlag Springer Gabler gab sie in der Management-Reihe Corporate Social Responsibility die Bände „CSR und Sportmanagement“ (2014, 2. Auflage 2019), „CSR und Energiewirtschaft“ (2015, 2. Aufl. 2019) und „CSR und Digitalisierung“ (2017, 2. Aufl. 2020) heraus. Aktuelle Bücher bei SpringerGabler (mit Werner Neumüller): „Visionäre von heute – Gestalter von morgen“ (2018) und „Klimawandel in der Wirtschaft. Warum wir ein Bewusstsein für Dringlichkeit brauchen“ (2020).

Foto: Dr. Alexandra Hildebrandt (c) Nicole Simon

Weitere Infos: www.clubofhope.de

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