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“Hin nach Hellas schaue das Volk!” Griechenland – Wiege und Bahre Europas? Diskussionsrunde vom 22.Februar 2013

Podium 1Griechenland, seit den Zeiten Friedrich Hölderlins vielen Deutschen ein Sehnsuchtsort, ist durch die schwere wirtschaftliche Krise, die das Land seit 2008 in ihrem Griff hält, zum schwierigen Nachbarn geworden.

Doch was wissen wir wirklich von Ursachen und Ausmaß der griechischen Krise?
Von ihren Auswirkungen auf das Leben des Einzelnen?

Zugleich wirft der Fall Griechenland weitergehende Fragen auf, Fragen nach den Möglichkeiten und Gefahren des europäischen Projekts.

Hat dieses eine Zukunft und wenn ja, welche?
Und wie tragfähig ist das Fundament des gemeinsamen europäischen kulturellen Erbes in Zeiten der Krise?

Helena Katsiavara war da und hat die Diskussion für Köln-InSight exklusiv für Sie verfolgt und zusammengefasst.

Es diskutierten: - Kostas Papakostopoulos, Theaterregisseur und Leiter des Deutsch Griechischen Theaters Köln - Petros Markaris, international bekannter griechischer Schriftsteller und Drehbuchautor aus Athen - Kai Hensel, mehrfach preisgekrönter Schriftsteller und Drehbuchautor aus Berlin - Siebo M. H. Janssen, Politikwissenschaftler, Europaexperte und Mitglied im Rednerteam der Europäischen-Kommission - Helga Kirchner, ehemalige Hörfunk-Chefredakteurin des WDR, moderiert die Gesprächsrunde.
Eine Kooperation des Deutsch Griechischen Theaters Köln, des Europe Direkt-Informationszentrums der Region Köln/Bonn und der Volkshochschule Köln.

Markaris Papakostopoulos HenselHerr Markaris, der bekannte griechische Krimiautor, der als Kommissar Maris in Athen Kriminaltaten verfolgt, beginnt die Diskussion mit dem Satz:“ Optimismus heißt mit anderen Worten, Mangel an Informationen“ .
Er bezieht sich auf die allgemeine Lage Griechenlands in der Wirtschaftskriese und auf die Europäische Idee. „ Was gut Ist, lässt auf sich warten,, fügt er hinzu , was so viel heißt wie „alles Negative hat erst einmal Vorrang,,
,,Das Negative will ausgelebt werden“, denke ich meinen Teil dazu.. Ich, die noch bis vor einigen Monaten jeden Tag in die Sonne schauen konnte, die sich täglich, wie der bekannte,, Kleine Prinz“ auf seinem Planeten fühlte, jedes Mal sich glücklich schätzte, einen zauberhaften Sonnenuntergang mitzuerleben und eilend auf die Terrasse, die neue Farbkombination des Abends aufzusaugen, mit jeder Zelle meines Körpers. Herr Markaris spricht weiter: ,,Das, was das griechische Bild ausmacht, ist der bedrohliche Erststart der Neonazis in Griechenland der sogenannten Chrysi Avgi.
Helga Kirchner, ehemalige Hörfunk Chefradakteurin des WDR, die, die Diskussion leitete , lässt in dem Moment eine Brücke schlagen und gibt das Wort an Kai Henzel weiter, dem preisgekrönten Schriftsteller des Buches ,,Perseus Protokoll“.
Wie bekannt möchte der griechische Mythos, dass der Perseus es schafft, den Kopf der Medusa ab zu schlagen. Die mächtige schlangenhaarige Göttin lässt gerne mit ihrem Blick jedes Individuum, das in sich Leben trägt, in Stein verwandeln. Das nimmt sich Kai Hensel als Symbol bezüglich auf die Lage Europas. Die Szenen im Buch lassen den Lesenden nach Kreta und Athen reisen. Der Lesende steigt aber auch in die Achterbahn der Gefühle die, die finanzielle Lage Griechenlands, Griechen und andere  Europäer versetzt hat. Der Punkt beider Autoren bezieht sich einzig und allein auf eins.
Die Probleme die in Griechenland liegen, liegen auch auf dem Gesamteuropäischem Kreis. Das Bild von einem Schön-gelungenem Dominosteingebilde steigt mir in den Kopf. Das erste Steinchen beginnt an zu wackeln und die Zuschauer im Ort des Dominosteinbauens halten den Atem. Frau Kirchner fragt in die Runde, was für Kräfte sich dadurch freisetzen könnten. Auch die Frage ob es Hoffnung gibt, steht im Raum. Hoffnung gibt es wenig, ist die Meinung des frischeingereisten aus Athen, Krimiautors Herrn Markaris. Die Zeit darf hier nach ihren Kriterien wirken. Na ja, denke ich mir. Er ist ja ein Krimiautor. Jemand der nicht wirklich sehen möchte ,dass der kleine Prinz auf seinem Planeten an einem Tag 365 Sonnenuntergänge sehen könnte.
Ein Krimiautor sorgt dafür, dass der böse Mann in seinem Buch die Sonne mit seinem langen Mantel umhüllt.. Wie schafft ein Autor die Distanz? Lautet sanft und heilend auf meinem Gedanken die Frage von Frau Kirchner? „Schreibend“ Der Schreibprozess schafft die Distanz. Sobald aber man wieder mit seinen Mitmenschen in der Taverne sitzt, ist man wieder der Mitfühlende der Empörung, der Wut, der Trauer und der Mitleidende. Und dann sind auch die Essays, die Distanz schaffen“. Herr Papakostopoulos, der Leiter des deutsch-griechischen Theaters in Köln wird mit der nächsten Frage konfrontiert: „Warum scheitert der Chor der Empörten?“ „Weil es keine Solidarität gibt“ lautet seine Antwort, „auch viele Werte fehlen.“
Herr Jansen, Politikwissenschaftler, wird gebeten einen Fokus aus der Sicht des Europaexperten zu geben.
Frau Kirchner stellt die Frage:,, Hat das Projekt Europa eine Zukunft?,, Seine Meinung ist die:,, Die Analyse der Länder und ihrer Konstruktion zeigt, dass es einen Rückfall in die Vordemokratie gibt. Europa hat ein strukturelles Problem, es hat seine Identität auf Kompromisse aufgebaut. Das bezahlt sich in einer Krise damit, dass es keine schnellen Lösungen geben kann. Und die Politiker bestehen natürlich auf die Erhaltung ihrer Macht,, Herr Markaris äußert an dieser Stelle auch seinen Zweifel an die Demokratie: ,,Von einer Demokratie ist inzwischen wenig zu sehen.“ Wegen der Organisation entscheiden Staatspräsidenten in ihren kleinen Runden, so stellt sich automatisch die Frage ob Gemeinsamkeit auf diese Weise entstehen kann“, ist die dazu fügende Meinung von Herrn Jansen.  Herr Papakostopoulos: ,,Eine der Frage die auftaucht, wäre, ob man überhaupt Gemeinsamkeiten gutheißen möchte. ,,Ich bin so viele Jahre in Deutschland und habe so viele Freunde in der Zeit gewonnen. Als Grieche spürte man früher, eine Art von Privileg mit sich zu tragen, wegen der Geschichte. Innerhalb von kürzester Zeit kamen die Beziehungen zwischen Deutschen und Griechen so sehr ins Schwanken, dass man sich über die Macht der Medien und über die entstehende Propaganda erschreckt. Warum es so sein kann, kann man nur in der grauen Zone beantworten“. Die Diskussionsrunde scheint mitsamt dem Publikum ins Grübeln zu kommen. Die Feststellung ist die, dass die Europäische Idee ohne ,,Ehevertrag,, in die Wege geleitet wurde, nur als die Idee einer Währungsunion. Dabei wurde vergessen, auch einen Schwerpunkt auf eine politische Union zu legen. Es gibt keine europäische Öffentlichkeit. Noch eine Feststellung wird in der Runde bewusst, nämlich die, dass Intellektuelle schweigen.
Wie weit lebt also das gemeinsame Europa in den Köpfen der Intellektuellen? Das ist ein großes Defizit, denn nur Politiker und Ökonomen greifen das Wort. Es entsteht ein Hauptgericht, das als Nachtisch serviert wird. Doch erheben sich einzelne Stimmen der Intellektuellen, wie die von Ulrich Beck, einem Intellektuellen aus den 68ern, greift Frau Kirchner das Wort.
Herr Janssen gibt weiter seine Erklärung dazu: ,, Um die Dynamik einer -gegen Meinung zu bewegen, braucht man einen Gründungsmythos oder einen Feind wie im kalten Krieg. Die Definition der Gemeinsamkeit in einer Gruppe wäre also ein gemeinsamer Feind. Siehe Griechen und Türken in der Nato. Die Gemeinsamkeit wird also, über das Bedrohte gewonnen. Es ist immer einfacher seine Stimme,, gegen,, als ,,für,, zu erheben .Ein Geburtsfehler entsteht also gleich bei der Europäischen Union. Erst war nämlich der Schwerpunkt auf die Wirtschaft gestellt worden, dann auf die Kulturen des gemeinsamen Europas. Frau Kirchner fragt nach den möglichen Reparaturarbeiten in dieser Hinsicht. Herr Markaris äußert sich über das politische System von Griechenland mit dem Wort,, pervers,, „Zuerst haben die Griechen die Monarchie abgeschafft“, erklärt er, „ um dann die Macht an zwei Familien abzugeben, die der Papandreu und der Mitsotakis. Die Parteien stimmten entweder für die eine oder für die andere Familie. Ein ganz neuer Prozess ist für die Griechen gekommen. Sie stellen ihre Geschichte in Frage.“ „Was läuft nach wie vor gut?“ Fragt Frau Kirchner.
Herr Henzel bezieht sich auf die Jugend, die immer wiederkehrende Hoffnung aller Staaten. Seine Meinung jedoch, dass die späteren studierten Akademiker wieder nach Griechenland zurückkehren werden, wird von Herrn Markaris bezweifelt. Es herrscht nämlich eine andere Einstellung, die sich mit der, der früheren Gastarbeitern in Deutschland nicht verglichen werden kann, ergänzt er in seiner Meinung. Wieder kehrt die Diskussion zum Punkt zurück, dass man eher sich über den Ausgleichfond in Europa interessiert, als über die Frage der Solidarität zwischen den Menschen und die der Verlässlichkeit. Denn die zwei Begriffe stehen zusammen. So müssten die Länder ihre Funktionalität verändern.
Frau Kirchner interessiert sich zu guter Letzt für die Meinung des Europaexperten Herrn Jansen, in welcher Lage die Perspektiven des gemeinsamen Europas zu treffen seien. ,,Es liegt sicherlich auf Grund der Rettungsschirme eine Beruhigung in der Luft, dennoch kann das Ganze zusammenbrechen, was den Vorbildcharakter des Europas zerstören würde, denn für viele Unionen ist das Europa ein Vorbild z.B. was Menschenrechte angeht. Die Perspektiven müssen dann anders ausgerichtet werden. Ein Nationalstolz muss her, der gegen die Gefahr des kollektiven Burnout -Syndroms steuern wird. Ein gemeinsames Denken, das gegen die pessimistischen Gedanken wirken wird. Also ist die einzige Chance eine gemeinsame kulturelle Ebene, sonst gibt es keine Zukunft.
Frau Kirchner führt das Mikrofon durch das Publikum. Diese und jene Frage oder Antwort wird hinzugefügt. Die Stimme von Dora bringt mich zum Staunen. Dora kenne ich aus Thessaloniki, sie arbeitete als Journalistin bei TV 100, hörte jedoch vor der Rente mit 60 auf zu arbeiten. Sie stellte sich vor und einen Schluchzer unterdrückend, bittet sie um Arbeit, egal welche. Die Gedanken kommen und gehen, die Gefühle auch. Dennoch die Hoffnung, um was auch immer, bleibt länger und geht als der letzte Gast.

Die Diskussionsrunde fand im Forum der Volkshochschule, Rautenstrauch-Joest-Museum, Cäcilienstr. 29-33, am 22.Februar 2013 in Köln statt. Der Eintritt war frei.

Bericht: Helena Katsiavara
Fotos: Lydia Klütsch

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