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Interview mit Rainer Kippe

„Am Morgen des 3. November 1979 „bezogen“ wir die Häuser und Hallen der Düsseldorfer Str. 74. Es war ein schönes Gelände, der große Innenhof war herbstlich mit Blättern bedeckt und die Fassaden hatten ein freundlich warmes Aussehen im Baustil der Jahrhundertwende. Es gab große majestätische Bäume und wild wuchernde Hecken, die kurz davor standen das ganze Gelände zu erobern. Das Wetter war in den ersten Wochen regnerisch und kühl. Die Wohnverhältnisse in den Gebäuden waren mehr als ungemütlich. Ich frage mich heute, wie ich diese Zeit unbeschadet überleben konnte.“ (Werner Heidenreich)
...So begann die Geschichte der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM). Aus einer alten leerstehenden Schnapsbrennerei, machten Menschen eine Insel für all jene, für die kein Platz in der konsumorientierten und schnelllebigen Welt war oder jene, die nach den allgemeingültigen Regeln nicht leben wollten. Unter ihnen Rainer Kippe mit seiner Lebensgefährtin Ranne und seinen Kindern. Viel haben sie bewegt im Laufe der Zeit, für sich selbst, für Mülheim und vor allem für andere. Derzeit hat die SSM eine leerstehende Halle am Faulbach angemietet. Diese wird in Eigenleistung saniert und dient zur Präsentation alter wiederaufgearbeiteter Möbel und als Veranstaltungsort. Stets aktiv dabei, Rainer Kippe. Wir haben den außergewöhnlichen Mülheimer besucht und ihm ein paar Fragen gestellt.

Du hattest damals, als ihr die Schnapsbrennerei in der Düsseldorfer Str. 74 besetzt habt, zwei kleine Kinder und ihr erwartetet ein drittes. Was waren deine Beweggründe, dich hier niederzulassen?
Ich bin mit meiner Familie aus Köln, vom SSK (Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Köln e.V.), am Salierring hierher gekommen. Wir haben mit unseren Freunden, darunter Werner Heidenreich (jetzt Buddhistisches Zentrum Stadtraum) und Tom Koch, die Fabrik besetzt, die eigentlich abgebrochen werden sollte. Ziel war es eine neue Gruppe für Obdachlose, Arbeitslose und Bedürftige zu gründen. Mir war klar, dass ich mit drei Kindern keine großen Sprünge machen konnte. Es war für mich als Familienvater auch undenkbar mit vorwiegend obdachlosen Jugendlichen und Psychiatrieflüchtlingen eine Gruppe zu gründen. Daher wollten wir Alte und Behinderte, sowie Familien mit kleinen Kindern verstärkt berücksichtigen.

Wie war das, als du in Mülheim angekommen bist? Welche Empfindungen hattest du?
Das war schon wie ein Traum! Es war ein wunderschöner Herbsttag, als wir das Tor zum Hof aufgebrochen haben, und das Gelände, das viele Jahre leer stand, war mit einer dicken Schicht Laub bedeckt. Es gab Feldmäuse und Kreuzspinnen. Die Gebäude waren völlig verwahrlost, es gab weder Wasser noch Strom, ja nicht einmal Toiletten. Wir nutzen zu Beginn Plumpsklos auf dem Hof, wie vor dem Kriege auf dem Land. Meine Freundin Ranne war schwanger, und am 6. Dezember wurde unser drittes Kind, die kleine Rachel geboren. Die ist jetzt diplomierte Umweltpsychologin, arbeitet an der Uni Kassel und hat kürzlich ein Zentrum für Klimaschutz gegründet.

Nun lebst du bereits dreißig Jahre hier. Wie hat sich Mülheim aus deiner Sicht im Laufe der Zeit entwickelt? Was wurde besser, was schlechter?
Mülheim hält alles, was ich mir von Köln (linksrheinisch) fälschlich versprochen hatte. Der Strom, die Parks, die Arbeitersiedlungen, die alten Fabriken, die Mülheimer aus allen Nationen, einfach perfekt. Wir kamen ja, als gerade 4.000 Arbeitsplätze bei F&G dichtgemacht worden waren. In der Zeitung hieß es damals: zurück bleiben die Alten, Schwachen und Behinderten. Deshalb gaben wir unserer Gruppe den Namen: „SSK Mülheim- für Alte, Schwache und Behinderte“. Also waren wir nicht überrascht, als die Arbeitslosigkeit in Mülheim immer mehr zunahm und damit Armut, Elend, Verwahrlosung, Alkohol, Drogen und Gewalt. Wir wussten auch, dass nur die Selbsthilfe der Mülheimer das Viertel vor dem endgültigen Untergang retten kann. Zudem wussten wir, dass die Stadtsanierung, durch die immerhin 240 Millionen Mark nach Mülheim geflossen waren, keinen wirklichen Wandel bewirken konnte. Es wurden zwar Wohnungen und Straßen verbessert, aber keine Arbeitsplätze geschaffen. Also: Mülheim wurde schöner, Armut und Elend wurden größer.

Die Sozialistische Selbsthilfe Mülheim hat sich 1986 von der Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Köln e.V. (SSK) abgespalten und ist somit eigenständig. Mit viel Hilfe und eigenem Engagement habt ihr aus der alten Schnapsfabrik ein ganz besonderes Projekt und Heim für viele Hilfesuchende geschaffen. Wer und was macht die SSM aus?
SSM ist eine Gemeinschaft von Arbeits- und Obdachlosen, die sich selbst Wohnung und Arbeit geschaffen haben und in selbstverwalteten Firmen für Ihren Unterhalt sorgen. Das sind über zwanzig Leute, dazu kommen noch eine Menge Kinder. Außer um uns selbst, kümmern wir uns um arme Leute im Viertel und um ihre Lebensaussichten. Wir sind an einer ganzen Reihe von Projekten beteiligt. So z.B. am Kulturbunker, den wir mit gegründet haben oder an der Stadtteilgenossenschaft WiWAt eG, die sich für die Entwicklung von Projekten für Wohnen und Arbeiten in Mülheim einsetzt, insbesondere auf der Brache alter Güterbahnhof Mülheim. Wir betreuen eine Gruppe Punker, mit denen wir gemeinsam 2006 das Barmer Viertel besetzt hatten und helfen der Initiative „Schanzenfestival“ in den alten Güterhallen an der Schanzenstraße. Wir machen Veranstaltungen in unserem „Institut für Neue Arbeit“ (INA) und jetzt gerade eine Ausstellung in der Halle Am Faulbach zum Thema: Gegen das Vergessen. Hier zeigen wir Fotos von Dokumenten, die mit dem Kölner Stadtarchiv zusammen verschüttet worden sind. Wir helfen auch armen Leuten, wenn sie in Not sind oder um ihr Recht betrogen werden. Die Gründerväter des SSK kommen aus der 68er Studentenbewegung und aus dem SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund.1969 haben wir SSK gegründet, weil wir obdachlosen Jugendlichen und anderen bedürftigen und verfolgten Menschen helfen wollten. Später haben wir uns umbenannt in SSM (Sozialistische Selbsthilfe Mülheim).

Du erwähntest die wirklich schöne Halle am Faulbach, Ihr habt sie vor dem Abriss bewahrt und kämpft weiterhin darum, dass sie nicht den Interessen einiger weniger kapitalstarker Ortsfremder weichen muss. Wie seid ihr dazu gekommen?
Die Halle Am Faulbach haben wir von der HGK, der Städtischen Hafengesellschaft, gemietet. Früher war dort ein Baustoffhandel. Danach stand die Halle viele Jahre leer und verfiel. Wir haben sie mit Hilfe von Spenden renoviert und bauen jetzt einen Gebrauchtmöbelhandel auf. Geplant sind auch Veranstaltungen, Ausstellungen, z.B. „Gegen das Vergessen“ und ein Café. Wir haben angeregt, dass die Halle unter Schutz gestellt wird. Seither hat uns die HGK verboten, weiter umzubauen.

Dein Engagement bestimmt zum Großteil dein Leben. Wie ist das gekommen?
Ich empfinde unsere Gesellschaft als ungerecht, ausbeuterisch und verächtlich im Umgang mit den Menschen, den Tieren und der Natur. Dem versuche ich eine bessere Art des Lebens und des Umgangs mit Mensch und Natur gegenüberzustellen. Geprägt hat mich das Aufbegehren der 68er Generation. Das war die erste erfolgreiche Revolution in Deutschland, und sie war, wie die von 1989, (überwiegend) friedlich. Die Botschaft von 68 heißt für mich: eine bessere Welt ist möglich, wir haben es in der Hand, sie zu verwirklichen!

Du sagst, "Wenn man etwas ändern will, muss man bei sich selber anfangen und bei seiner Umgebung" Wie bist du zu dieser Einsicht gekommen?
Den ersten Schritt dazu habe ich an der Uni getan. Dort wurde politisch viel geredet und wenig getan. Da ist mir klar geworden, dass man selbst anfangen muss, und zwar mit kleinen Schritten. Das man mit der Veränderung da anfängt, wo man wirklich gebraucht wird. Für uns waren das damals die obdachlosen Jugendlichen. Andere haben sich in Obdachlosensiedlungen engagiert, für Strafgefangene oder für Alte. Damals ist eine breite Soziale Bewegung entstanden, die bis heute weitergegangen ist und die Republik verändert hat. Eine Bewegung gegen die soziale Kälte, gegen den Konsumwahn und die Ausgrenzung Schwächerer. Später, als ich meinen Lehrer, den Zen-buddhistischen Vietnam- Veteran und Mönch Claude AnShin Thomas kennengelernt habe, ist mir das ganze Ausmaß dieser Erkenntnis klar geworden: Du kannst überhaupt nichts ändern, nur Dich selbst. Das sieht nach wenig aus, wenn Du das aber wirklich radikal und konsequent tust, kannst Du ein Beispiel setzten, daß die ganze Welt verändert, siehe Ghandi. Aber wie gesagt, mit der Umsetzung dieser Erkenntnis bin ich noch ganz am Anfang, wie man sieht!

König der Welt zu sein, ist für dich nicht erstrebenswert. Als Republikaner bist du der Überzeugung, dass von „Oben“ nichts geändert werden kann. Hast du ein "Utopia“? Wie sieht die Welt aus, in der du gern leben möchtest?
Nein, ein König will ich wirklich nicht sein. Ich habe aber auch kein „Utopia“. U-topia kommt von (griechisch) „Uktopos“, das heißt „kein Ort“. Utopien sind Plätze, die es per Definition nicht gibt und dafür habe ich kein Interesse. Die Welt, in der ich gerne leben möchte, ist genau die Welt, die wir haben. Erstens ist sie wunderschön, und zweitens gibt es darin so viele Mängel und Probleme, dass ich und viele andere, ein ganzes Leben lang etwas zu tun haben. Und was gibt es schöneres, als an einer interessanten Sache zu arbeiten?

Du hast viel für Mülheim und seine Bewohner getan. Was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich bin jetzt 65 geworden und hoffe, dass ich noch viele Jahre für den SSM und für meine Mitmenschen arbeiten darf. Wenn ich einen Wunsch äußern soll: ich möchte, dass wir Menschen zu unserem Menschsein, d.h. zu unseren schier unbegrenzten Möglichkeiten als Menschen erwachen. Deshalb wünsche ich mir, dass am 17.- 19. Juli 2009, wenn mein Zen-Lehrer Claude AnShin Thomas nach Mülheim kommt, möglichst viele Menschen die Gelegenheit ergreifen, ihn kennenzulernen.

Vielen Dank und alles Gute für Dich und die Sozialistische Selbsthilfe
Mülheim und Deine vielen Projekte!
Mehr über SSM, Rainer Kippe und mehr finden Sie auch unter: www.ssm-koeln.org oder hier im Vereinsforum des SSM

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